Sternensee-Eine Indianische Legende

Eine FanFiction zu der Reihe „Woodwalkers“ von Katja Brandis

»Kennst du schon die Geschichte von Sternensee, Tikaani?« Die Kinder des Stammes knieten alle am Feuer der Hütte und sahen zu dem alten Mann hoch. »Nein, Großvater.«

Er lächelte. »Dann will ich sie euch beibringen. Kennt ihr denn den großen Eisberg am Ufer des Flusses?« Die Kinder nickten. »Nun, ich will euch von einer Zeit erzählen, als es ihn noch nicht gab…

…Vor langer Zeit lebte einst eine Frau. Man nannte sie Calactri und sie war so schön, dass sich ein Polarwolf namens Karim in sie verliebte.

Als er versuchte, ihr näher zu kommen, schreckte Calactri zurück, doch mit der Zeit, lernte sie ihren Begleiter zu schätzen: Das struppige weiße Fell, in das man sich im Winter einkuscheln konnte.

Die Augen, wie zwei Sterne so funkelnd und so tief blau wie ein See.

Und langsam, ganz langsam, begann sie, sich in den Wolf zu verlieben.

Karim freute das sehr und schon bald bekamen sie zwei Kinder: Seqineq, ihre Sonne, und Taqqiq, Ihren Mond. Beide waren sie die ersten Woodwalker: Menschen, die sich von einem Wolf in einen Menschen wandeln konnten.

Die beiden wurden älter und älter, bekamen Gefährten und heirateten. Ihre Eltern starben und sie weinten sehr. Denn wie sie Sonne und Mond gewesen waren, so hatten Kraim und Calactri ihr Dasein als Himmel und Sterne gepflegt.

Doch kurz darauf bekam Seqineq mit ihrem Mann einen Sohn und eine Tochter. Beide konnten sie sich auch in Wölfe verwandeln. Auch Taqqiq heiratete, doch wurde nie mit Kindern gesegnet.

Erst nach vielen Jahren und im hohen Alter bekam er eine Tochter: Ulloriaqlmaq, Sternensee. Er benannte sie nach den Augen seines Vaters, um immer an ihn zu denken und daran, wie er die Woodwalker erschaffen hatte.

Doch Ulloriaqlmaq wurde älter und älter- sie war schon 10 Jahre alt, so alt wie du, Tikaani.« Der Großvater lächelte seine Enkelin an. »-Da fragte sich ihr Vater, warum seine liebe kleine Sternensee es nicht konnte.

Er wandte sich an seine Schwester Seqineq, und die wusste Rat: ‚Du musst sie in den Schnee setzten, Bruderherz‘, sprach sie. ‚Irgendwo ganz weit weg von Zuhause. Ihr wird kalt werden. Ganz ehrlich doll gefährlich kalt. Doch dann werden Sternensee ihre Ahnen helfen: Sie wird zum Himmel gucken, und unter den Polarlichtern wird sie zu einem Wolf werden, um sich vor der Kälte zu schützen.‘

Taqqiq erschrak erst, als er das hörte, doch dann nickte er. Er zog mit seiner kleinen Tochter-« Tikaani schob trotzig die Unterlippe vor, als sie das hörte, doch alle anderen hingen weiterhin gespannt an Großvaters Lippen. »-aufs Eis und nahm ihr den Mantel ab.

Er erklärte ihr alles, so wie Seqineq es ihm erklärt hatte. Ulloria nickte entschlossen und lief dann los, über das Eis und durch Schneewehen.

Sie begegnete vielen Tieren, doch das Tier in sich selbst fand sie nicht. Sternensee hätte umkehren können, doch sie wollte ihren Vater nicht enttäuschen.

Also rannte sie immer weiter durch das weite Weiß. Ihre Hände fühlten sich taub an, wie leblose Stöcke hingen ihre Finger an ihren Armen, unfähig, sich zu bewegen.

Sternensees Gesicht fror und es fühlte sich so an, als würden sich tausend kleine Eiskristalle in ihre Haut bohren, wie spitze Nadelstiche des Webstuhls ihrer Mutter so stachen sie, so dass Ulloriaqlmaq schon bald nichts mehr spürte, als den Schnee, das Eis, den Sturm und die Kälte.

Die Sonne ging auf, die Sonne ging unter. Zwei Tage und zwei Nächte lang verbrachte sie ihre Zeit auf dem Polar.

Dann kam sie an eine große Gletscherhöhle. Froh über diesen -irgendeinen!- Unterschlupf lief das Mädchen hinein.

Und als sie so zwischen dem funkelnden Eis stand, da war ihr, als würde sie aufwachen, aus einem Schlaf, den sie trotz des langen Weges stets geschlafen hatte.

Wie in Trance strichen ihre Hände über die Wände, ihre Augen wanderten durch die Höhle.

Sie hatte ein Loch in der Decke, so dass man die Sterne sehen konnte und in der Mitte lag ein See.

Eigentlich glaubte sie nicht an Schicksal, doch Ulloriaqlmaq war sich sicher, dass dieser Ort ein Zeichen ihrer Ahnen war. Als würden sie sie endlich erhören und ihr am Ort ihres Namens das geben, weshalb sie ihren Namen hatte.

Sie kniete nieder und hob ihr Gesicht gen Himmel, bereit, dem Wolf in sich selbst zu begegnen.

Sternensee schloss die Augen und lächelte. Jetzt würde es passieren, jetzt gleich! Sie atmete tief ein, dachte an das strahlend weiße Fell ihres Vaters.

Und dann geschah- nichts.

Ulloriaqlmaq saß noch immer im Schneesturm, noch immer ohne Fell, noch immer der Kälte ausgeliefert. Sie hatte keine Tiergestalt.

Tränen überströmten ihr Gesicht, froren auf ihren Wangen zu Eis und brannten vor Kälte auf Sternensees Haut. Sie rannte raus und weinte, weinte immer weiter. Und aus ihren Tränen bildete sich eine feste Eiskuppe, eine Spur, meterhoch, die sie hinter sich herzog.

Taqqiq, der seine Tochter schon gesucht hatte, kam ihr entgegengelaufen. Als er sie so rennen sah, freute er sich, denn er dachte, sie hätte sich nun verwandelt!

Als Sternensee näherkam, sah Taqqiq ihre Tränen. ‚Aber Piugijaq, Liebling! Was ist denn passiert? Ist etwas bei der Verwandlung schiefgelaufen? Du kannst mit mir doch über alles reden!‘

Da warf sich Ulloriaqlmaq in seine Arme. ‚Ich kann’s nicht, Vater. Ich kann’s einfach nicht!‘, schluchzte sie und wollte ihre Augen am Umhang des Mannes trocknen, doch dieser stieß sie weg. Abscheu stand in seinem Blick. ‚Dann bist du nicht meine Tochter!‘, fauchte er.

‚Aber Papa!‘, rief das kleine Mädchen aus. ‚Ich bin es doch! Ulloriaqlmaq! Deine Tochter! Deine süße kleine Sternensee!‘ Sie wollte auf ihn zulaufen, doch Taqqiq drückte sie von sich weg.

‚Komm mir nicht zu nahe!‘ stieß er hervor, doch sie rannte schon weg. Weg, über die Hügel, an den Fluss.

 Sie achtete nicht auf den Weg: Ihr Vater, ihr EIGENER VATER hatte sie verstoßen! Ulloriaqlmaq rutschte aus, fiel, kullerte an das Ufer des Flusses. Mit geschlossenen Augen lag sie da. War nicht bereit, sie wieder zu öffnen, denn sie hatte das Gefühl, dass sie so auch den Tatsachen ins Gesicht blicken müsste.

Da hörte Sternensee ein lautes Knurren. Sie rappelte sich auf, fuhr herum und blickte direkt in die blauen Augen eines riesigen Polarwolfs.

‚Papa!‘, rief sie fröhlich aus und wollte schon ihre Arme zur Versöhnung um seinen Hals schlingen, da zog der Wolf die Lefzen hoch. Ulloriaqlmaq wich zurück. Taqqiq trieb sie immer weiter an den Abhang. Seine Tochter wehrte sich in panischer Angst, doch der Wolf war schneller und stieß Sternensee von der Klippe.

Beim Fallen konnte er noch den entgeisterten Ausdruck im ihren Augen sehen, dann war alles vorbei: Ulloriaqlmaq stieß auf dem Eis auf, ihre Glieder verrenkten sich und ihre Augen zeigten in zwei verschiedene Richtungen. Taqqiq hatte seine Tochter -seine eigene Tochter!- umgebracht.

Unten, auf dem Boden der Schlucht, lag sie nun, seine einst so geliebte Sternensee.

Blut floss aus ihrem Hinterkopf und fror. Es wuchs und wuchs, wurde zu einem Eisberg, welcher die ganze Schlucht ausfüllte, die es damals am Fluss gab. Als Taqqiq sah, was er angerichtet hatte, erwachte er aus seiner Trance.

Er erblickte die Leiche seiner geliebten Tochter unter sich und, bevor er zur Besinnung kommen konnte, sprang er ihr nach. ‚Was hab ich nur getan?‘, heulte er noch in die Nacht hinaus. ‚Oh, Sternensee! Was hab ich nur getan?‘, dann schlug auch sein Körper auf dem Eis auf, sein Blut vermischte sich mit dem von Ulloriaqlmaq und zusammen bildeten sie den Eisberg, den ihr nun am Ufer seht.

Er ist dort, um uns zu zeigen, dass es egal ist, wer wir sind, oder wo wir herkommen und was wir sind, ob wir uns verwandeln können, oder nicht.«

Grusplaqs sah die Kinder an. Salim, Maris, Aljandir, alle hatten sie ihre schreckensgeweiteten Augen auf ihn gerichtet. Da meldete sich zaghaft eine Hand. „Ja, Tarik?“.

Der kleine Junge schluckte. „Aber dann hat er sie ja doch geliebt. Taqqiq, meine ich. Wenn er gesprungen ist?“

Der alte Mann sah ihn an. „Ja. Ja, er hat Ulloriaqlmaq sehr geliebt.“

Nun meldete sich Silan. „Aber, er hat sie doch geschubst! Wie kann er sie dann je geliebt haben?“

Tarik wollte gerade den Mund aufmachen, als Tikaani leise etwas einbrachte. „Enttäuschte Menschen tuen enttäuschende Dinge.“, murmelte sie und starrte nachdenklich in die lodernden Flammen des Lagerfeuers, als erwartete sie halb, aus ihnen würden sich die Gestalten der Geschichte erheben und sie in ihren Flammentanz miteibeziehen.

Ihr Großvater nickte. „Er hat sie geliebt. Und deshalb hat es ihn so stark enttäuscht.”

„Was hat wen enttäuscht?“ Tikaanis Vater steckte den Kopf durch die Öffnung des „Baues“, wie der Stamm die große Holzhütte gerne nannte.

Großvater seufzte.

„Erzählst du ihnen schon wieder diese grässliche Geschichte, Vater?“ Die Augen des Jägers verengten sich zu Schlitzen. Der Alte sagte nichts.

Edwin seufzte ebenfalls. „Na gut Kinder. Kommt schon! Wer mag mit auf die Jagd?“

„Ich!“ „Ich!“ „Nimm mich mit!“ „Nein! Mich!“ Die Kinder stürmten ins Freie.

Nur ein Kind blieb noch sitzen. Es war Grusplaqs Enkelin. Sie weinte.

„Hat dir die Geschichte etwa nicht gefallen, Kleines?“ Der Großvater setzte sich neben sie. „Doch!“, Tikaani wischte sich die Tränen mit dem Ärmel ihres Umhangs ab. „Warum weinst du dann, Piugijaq?“ Sie ging nicht darauf ein.

„Würde Vater das auch tun?“ Ihre Stimme bebte. „Mich die Klippen hinabstürzen?“ „Aber Tikaani!“ Der Großvater war entsetzt. „Wo denkst du hin? Dein Papa liebt dich doch!“ „Aber Taqqiq Ulloriaqlmaq doch auch!“

„Natürlich. Aber weißt du denn nicht, was ‚Liebe‘ bedeutet?“

Tikaani schüttelte zögerlich den Kopf.

„Es bedeutet, Alles für seine Freunde zu tun, für seine Gefährten. Sie zu beschützen, mit ihnen durch Dick und Dünn zu gehen. Mit ihnen zu kämpfen und für die da zu sein, wann immer sie dich brauchen. Liebe bedeutet, über alle Grenzen hinaus Freunde zu haben, mit denen du bereit bist zu kämpfen und zu tanzen, zu feiern und zu singen, zu trauern und zu weinen.

Liebe…“, sagte der Großvater. „Liebe ist die Freiheit, du selbst zu sein. Durch andere. Durch Besondere. Über den Horizont hinaus.“

Seine Enkelin sah ihn an. Sie lächelte zögernd, und das Grinsen wurde immer breiter, bis es mit dem frisch gefallenen Schnee um die Wette strahlte.

„Wenn das so ist, Großvater… wenn das so ist, dann will ich einmal eine ganz besondere Person lieben!“ Der Großvater lachte. „Das wirst du, Tikaani. Das wirst du.“

Sie sah ihn prüfend an. „Aber ich kann doch trotzdem immer noch Ich sein, oder?“ „Natürlich, Piugijaq. Natürlich.“

Und mit diesen Worten verließen die beiden Wölfe, der große und der kleine, den Bau und trabten Richtung Sternenberg.

Niemand wusste, wie sehr das Mädchen mit der Behauptung, wen sie lieben würde, recht gehabt hatte.

‚Wir kommen, Ahnin. Wir kommen.‘


Wie bereits erwähnt ist dies eine FanFiction zu der Reihe „Woodwalkers“ von Katja Brandis. Sie selbst hat mir erlaubt, sie auf meinem Blog zu veröffentlichen, also keine Bange wegen Copyright und so 😉

Ihr wollt etwas über „Woodwalkers“ erfahren und/oder euch interessiert meine Meinung zu der Buchreihe? Ich habe hier den ersten Band rezensiert.

Wenn ihr mal auf der Seite der Autorin vorbeisehen wollt: Einmal auf diesen Link klicken. Dort gab es sogar einmal einen FanFiction-Wettbewerb, wo diese hier unter den Top Ten war, wenn ihr euch da mal umlesen wollt: Bitte sehr. Sie wurde auch von dem YouTube-Kanal „Woodwalkers“, an dem ich mitwirke, vertont, und zwar hier.


Das Bild habe ich übrigens selbst gezeichnet und zwar mit der App „IbisPaintX“^^ Dabei haben mir diverse Vorlagen geholfen, besonder orientiert habe ich mich aber an dieser hier.


Ich habe noch einige FanFictions auf Lager, unter anderem zu „Woodwalkers“! Würdet ihr sie gerne lesen? Schreibt es mir unbedingt in die Kommentare! Soll ich eine Extra-Seite dafür machen? Was haltet ihr eigentlich von dieser hier?^^

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